„Junge Frauen heute nehmen an im Rahmen ihres sozialen Kontextes Handlungsfreiheit zu haben und nicht an überkommene Rollen gebunden zu sein“ (Geissler, B.; Oechsle, M., 2000, in: „Aus Politik und Zeitgeschichte“, S.11).
Aber immer noch bestimmen geschlechtshierarchische Arbeitsteilung, alltägliche sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen, die erwartete Zuständigkeit der Frau für den Bereich der Fürsorge und Reproduktion und gängige Schönheitsideale und Verhaltensnormen die Erfahrungswelt der Mädchen. Alte Modelle, in denen die Familie eine zentrale Rolle einnimmt, verlieren an Gültigkeit, aber neue Modelle sind noch nicht eingelebt und institutionalisiert.
Die Mädchen müssen sich in den sich widersprechenden Anforderungen klassischer und moderner Mädchenbildern zurechtfinden, die sich in versteckten und offenen Appellen ausdrücken und die immer mit weiblicher Identität verknüpft sind. „Setze dich durch und sei eigenständig, aber sei nicht egoistisch. Wirke sexy, aber sei keusch und treib’s nicht zu bunt. Sag’ deine Meinung, aber nicht zu laut. Sei individuell, aber pass dich an.“
Ihnen scheinen alle Optionen von Lebensentwürfen offen zu stehen und gleichzeitig sollen sie soziale Aufgaben und Familiengründung nicht vernachlässigen. Sie sollen und wollen im öffentlichen Leben präsent sein; erleben aber auf dem Spielplatz, auf der Straße, im Jugendzentrum, in der Schule männliche Bevormundung und werden daran gehindert, den öffentlichen Raum als den ihren wahrzunehmen.
Und wie gehen Mädchen mit persönlichen Ungleichheitserfahrungen bei gleichzeitigem Gleichheitsanspruch um und wie bewältigen sie das Spannungsfeld zwischen traditionellen und modernen geschlechtsspezifischen Anforderungen?
Gleichheit zwischen den Geschlechtern wird als Postulat unserer modernen Gesellschaft immer wieder aufs Neue verkündet. Über Ungleichheit zu reden gilt als überholt und wird gerade auch von den Mädchen als kränkend empfunden. Es kollidiert mit dem Selbstbild der jüngeren Frauengeneration. Die Mädchen sind es mittlerweile leid, ständig als benachteiligt zu gelten und leugnen bestehende Ungleichheiten. Sie verbitten es sich als Opfer betrachtet zu werden. Sie fühlen sich nicht benachteiligt. Sie betrachten sich als gleichberechtigt.
Sie blenden Unsicherheiten bei sich und bei anderen Mädchen aus und werten weibliche Bedürfnisse ab. Sie deuten widersprüchliche Verhaltensanforderungen und -zumutungen als individuelle Konflikte um. Das Nichterreichen gesellschaftlicher Ansprüche und Rollenerwartungen wird als persönliches Manko definiert bzw. als eigene Unzulänglichkeiten. Das Erleben männlicher Gewalt gilt als normal. Sie haben (scheinbar) alle Möglichkeiten und sind selbst daran schuld, wenn sie diese nicht nutzen. Erfahrene Ungleichheit wird von ihnen als subjektives Versagen gewertet und nicht zum Ausdruck gebracht.
Der innere Widerstreit zwischen Anpassung und Widerstand ist schwer auszuhalten und wird dennoch von vielen Mädchen sehr kreativ und selbstbewusst gelöst. Er kann aber auch, wenn die Mädchen damit alleine gelassen werden, wenn sie nicht ausreichend innere und äußere Ressourcen zur Verfügung haben, zu Rückzug, Verweigerung oder somatischer Erkrankung führen.
Mädchen brauchen Unterstützung dabei, diese Widersprüche zu erkennen. Nur dann können sie sich aktiv mit den Widersprüchen auseinandersetzen und eigenständige Lösungen finden. Mädchen brauchen Wegbegleiterinnen – in allen Alterstufen, in allen Bildungsschichten und in allen Kulturen. Denn nur wenn darüber gesprochen wird, dass Widersprüche Teil der Lebenswirklichkeit von Frauen und Mädchen sind, wenn auch die erwachsenen Frauen zum Ausdruck bringen, wie sie ihren Weg innerhalb der Widersprüche gegangen sind, können Mädchen zu einer wirklichen Entscheidungsfreiheit gelangen.