Interview mit Sonja Koller; Produktteam Jugendsozialarbeit des Stadtjugendamts München
Auf Seiten des Stadtjugendamts sind Sie für mira Mädchenarbeit zuständig?
Ja. Ich habe vor einigen Jahren die Steuerung und das Controlling übernommen und führe mit mira einmal im Jahr ein Planungsgepräch. Darin wird besprochen, wie die städtischen Zuschüsse verwendet und welche Angebote wie durchgeführt wurden. Ich arbeite gern mit mira zusammen. Das mira-Team arbeitet selbstständig, ist innovativ, aufgeschlossen und flexibel. Ich schätze die Persönlichkeiten, die dahinter stehen, und ihre Arbeit. Sie können sich auf einen großen Erfahrungsschatz stützen und haben in den letzten Jahren viele neue Entwicklungen angeregt und durchgeführt.
Welche Neuerungen waren das zum Beispiel?
mira engagiert sich unter anderem sehr für körperlich behinderte Mädchen und hat in den letzten Jahren ein tolles Programm auf die Beine gestellt. Das gab es früher in dieser Form nicht. An der Real- und Hauptschule der Ernst-Barlach Schulen führt mira beispielsweise mittlerweile regelmäßig Seminare für behinderte Mädchen durch. Meines Wissens gibt es momentan kein vergleichbares Projekt des Stadtjugendamts. Außerdem engagiert sich mira mit ihren Angeboten im Berufsschulbereich.
Sind Sie verantwortlich für die Zuschüsse, die mira vom Stadtjugendamt erhält?
Vor mehr als zehn Jahren wurde per Stadtratsbeschluss festgelegt, dass mira vom Stadtjugendamt jährlich eine bestimmte Summe als finanzielle Unterstützung erhält. In einer Leistungsbeschreibung wurden die Angebote definiert. Meine Aufgabe ist es, das Projekt fachlich und inhaltlich zu steuern.
mira und einige andere Einrichtungen kümmern sich nur um Mädchen. Brauchen die Jungen keinen Beistand?
Aufgrund der langen Tradition der Mädchenarbeit in München gibt es hier sehr qualifizierte, erfahrene Pädagoginnen, die viel Erfahrung im Bereich der Mädchenarbeit haben. Dadurch standen Mädchen in den letzten Jahren in der sozialen Arbeit sehr im Vordergrund. An sich ist das auch richtig, weil Mädchen in bestimmten Dingen noch immer benachteiligt werden. Jeder von uns weiß, dass Frauen im Berufsleben mehr Kraft und Energie aufbringen müssen, um Erfolge zu haben. In letzter Zeit ist der Fokus aber mit Recht auf die Jungen gefallen. Man hat erkannt, dass die Jungs nicht nur das starke Geschlecht sind und sich keineswegs immer mit Ellenbogen durchsetzen. Seit einem Jahr gibt es deshalb vom Stadtjugendamt auch ein Jungenprojekt. Es nennt sich goja, Fachstelle für genderorientierte Jungenarbeit. Leider ist goja bisher nur mit zwei Mitarbeitern ausgestattet, die bisher nur halbtags im Bereich der Jungenarbeit tätig sind.
Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptaufgaben von mira?
Die Mädchen in ihrer Rolle als Frau und Individuum stärken und unterstützen – damit sie sich mehr zutrauen, sich besser verwirklichen und behaupten können. Früher gab es drei Berufe, die Mädchen an Hauptschulen angestrebt haben: Arzthelferin, Friseurin und Kindergärtnerin. Doch es gibt mehr als 380 andere Ausbildungsberufe! Ich halte es für eine der entscheidenden Aufgaben der Mädchenarbeit, den jungen Frauen die vielen anderen Möglichkeiten aufzuzeigen und ihr Selbstbewusstsein so zu stärken, dass sie sich trauen, ihren eigenen, einen eventuell exotischen Weg einzuschlagen.
Auf der anderen Seite brauchen die Mädchen unbedingt eine konkrete Berufsberatung. In der erfahren sie, wie sie ihre Unterlagen für eine Bewerbung gestalten sollten, und wie sie sich in einem Vorstellungsgespräch verhalten müssen. Am besten gelingt das anhand von Videoaufnahmen, die ihnen vor Augen führen, was sie richtig oder falsch machen, wie sie auf andere wirken, die ihnen aber auch aufzeigen was sie besonders gut können.
Haben Sie mira schon einmal live erlebt?
Ich habe einmal an einem Seminar von mira in einer Realschule teilgenommen, um zu sehen, wie ein Seminar abläuft. Ich möchte gern den Praxisbezug hin und wieder herstellen. Das Seminar hat mir riesigen Spaß gemacht. Manchmal hätte ich richtig Lust, selbst bei einer Einrichtung wie mira mitzuarbeiten.
Hat die Mädchenarbeit der letzten Jahre schon Früchte getragen?
Ja. In puncto Selbstbehauptung und Berufsplanung ist schon einiges passiert. Vor allem an Hauptschulen machen sich hoffentlich die Schülerinnen dank der gezielten Sozialarbeit mehr Gedanken darüber, welchen Beruf sie später ergreifen möchten. Trotzdem glaube ich, dass das noch nicht ausreicht. Wir müssen die jungen Menschen weiter und möglichst noch stärker unterstützen. Dass immer mehr Schulen auf die Angebote für Mädchen zurückgreifen, zeigt uns, wie notwendig gerade die Mädchenarbeit ist. Die Angebote der Schulsozialarbeit werden in München jährlich erhöht.
Darf man angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs hoffen, dass die Mädchen- und Jungenarbeit bald intensiver gefördert wird?
Ich sehe die Notwendigkeit, die Mädchen- und Jungenarbeit auszubauen. Auf der anderen Seite werden leider mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nicht automatisch auch zusätzliche Mittel für soziale Projekte frei. Natürlich investiert die Stadt immer weiter in gute Projekte und Einrichtungen, aber welche Bereiche schließlich ausgebaut werden, hängt von so vielen Parametern ab, dass keine generellen Aussagen möglich sind. Aber hoffen darf man immer.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Koller.
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